RENNBERICHT: Von meinem ersten IRONMAN – oder: Und es ist doch der Kopf…!

„Man muss schon ziemlich dämlich sein, wenn man sich für einen IRONMAN anmeldet!“ – dieser Gedanke schoss mir durch den Kopf, als mein Wecker um 4 Uhr morgens klingelte. Ich hatte eigentlich ganz gut geschlafen, vom nächtlichen Hupkonzert der Deutschlandfans einmal abgesehen. Wie ich bei meinem arg frühen Frühstück feststellen musste, hatte ich wohl einen historischen Fußballmoment schlicht verschlafen. EGAL! Denn heute sollte ich selbst bei einer Europameisterschaft an den Start gehen. Ein bescheidend historischer Moment meiner Hobbysportlerkarriere. In Frankfurt. Zum ersten Mal über die ganz lange Distanz eines IRONMAN-Triathlons.

Über 5 Jahre hatte ich auf diesen Moment hintrainiert. 1 Olympische Triathlon-Distanz, 3 Jedermann-Radrennen, 4 Halbmarathons, 5 Marathons und 11 Triathlons über die Mitteldistanz standen an diesem Morgen auf meiner Habenseite. Entsprechend entspannt war ich die letzten Tage vor dem Rennen gewesen. Das sollte doch zu schaffen sein! Wenn nicht jetzt, wann dann?

Und an diesem Morgen? Von Anspannung und Stress keine Spur. Stattdessen eine positive Vorfreude, die man mit Weihnachten vergleichen kann. Was werde ich an dem Tag wohl alles geschenkt bekommen? Wie ein Dieb schlich ich im Morgengrauen nach einem guten Frühstück (Porridge, Brot mit Honig) leise aus dem Haus, um meinen Fanclub nicht zu wecken – schließlich musste der spätestens an der Laufstrecke ordentlich für Rückenwind sorgen. Dabei hätte ich allerdings fast meinen Versorgungsbeutel mit den Getränken und dem selbstgemachten Gel vergessen. Vielleicht doch etwas aufgeregt? War wohl eher die Müdigkeit 😉

Ein überfüllter Shuttlebus brachte mich an den Langener Waldsee. So langsam wich die Müdigkeit aus meinen Knochen. Ich ging im Kopf die unmittelbare Wettkampfvorbereitung IMG_7418durch. In der Wechselzone 1 angekommen machte ich dann zuerst einmal mein Rad fertig. Luft in die Reifen, Getränke und Gelflasche in die Halter, Helm und Startnummer an den Lenker. Danach wurde der Wechselbeutel kontrolliert. Als alles für das Rennen bereit war, habe ich dann zum ersten Mal das Umfeld genauer beobachtet. Die Anspannung der Athleten lag zum Greifen in der Luft. Einige sahen doch arg aufgeregt aus, die meisten jedoch ähnlich fokussiert wie ich mich zumindest fühlte. Der Morgen war kühl und so schlüpfte ich recht früh in den 126_3rd-96185-DIGITAL_HIGHRES-1316_000118-2125220warmen Neoprenanzug, gab meinen letzten Wechselbeutel am LKW ab und ging Richtung Schwimmstart.

Wie erwartet waren viele Zuschauer an den See gekommen. Und das um diese Uhrzeit! Wahnsinn. Beim Blick über den See kam mir dann die Schwimmstrecke recht lang vor. Aber den Gedanken schob ich mal ganz schnell beiseite und suchte mir die richtige Startbox für den Rolling-Start. 1h10 – 1h20. Das sollte doch auf 3,8km drin sein!?! Die Zeit bis zum Startschuss konnte ich bestens überbrücken, da eine Box weiter Wolf stand. Auch ein Erststarter, der mich irgendwann auf der Rad- oder Laufstrecke überholen müsste. Gemeinsam hörten wir den Kanonendonner und sahen wie sich die Profis in den See rannten.

Jetzt gab es kein zurück mehr. Meine Startschranke ging auf und ich machte mich auf die Reise. Im Gegensatz zu einem Massenstart à la Kraichgau ging das Anschwimmen relativ 138_3rd-96185-DIGITAL_HIGHRES-1316_008361-2125232zivilisiert ab. Durch das entzerrte Starterfeld gab es kaum ungewollten Körperkontakt. Keine Heißdüsen, die einen von hinten kommend einfach mal überschwimmen. Jeder schien seinen Rhythmus zu suchen – und so tat ich es auch. Ins Gleiten kommen. Technisch saubere Züge einstellen. Eine möglichst direkte Linie zur Boje am Seeende anschlagen. So ging es zur ersten Wende (auch hier ohne großes Gedränge) und gleich wieder zurück. Die ersten 1.500m bis zum kurzen Landgang waren abgehakt und ich fühlte mich gut. Die zweite Runde zog sich logischerweise etwas mehr hin, aber auch hier lief alles nach Plan. Ich konnte sogar etwas mehr in die Zugphasen investieren und entsprechend langsam werdende Schwimmer überholen. Immer den großen gelben Bogen am Schwimmausstieg vor Augen – der plötzlich auch schon da war. Das Wasser wurde flach. Ich hatte Sand unter den Füssen. Der erste Teil des Abenteuers war geschafft!

3,8km SWIM in 01h 13min 29sec

Was habe ich mich gefreut, als ich aus dem Wasser kam. Vor 5 Jahren noch eine absolut utopische Distanz und heute lief es einfach super. Mit einem breiten Grinsen machte ich mich 158_3rd-96185-DIGITAL_HIGHRES-1316_044513-2125252auf den langen Weg zum Wechselbeutel. Unterwegs ein paar Vereinskollegen gegrüßt und Ina abgeschlagen (was machst du hier?), dabei aber auch über den „Berg“ hoch zur Wechselzone geflucht. Das Wechselzelt war ziemlich überfüllt und doch fand ich einen freien Platz für einen zügigen Wechsel. Raus aus dem Neo, Socken und Radschuhe an, Riegel in die Rückentasche und ab zum Bike. Die kühlen Temperaturen habe ich da gar nicht gemerkt. Adrenalin wärmt… Und so war ich zwar nicht super schnell aber kontrolliert zügig im Sattel. Auf geht’s nach Frankfurt.

„Nicht zu schnell beginnen und nicht überziehen. Regelmäßig einen Schluck trinken und
etwas Gel dazu. Jede Stunde einen Riegel essen.“
– Mit diesen Vorsätzen sollte der zweite Teil 162_3rd-96185-DIGITAL_HIGHRES-1316_063313-2125256des Tages doch zu meistern sein. Ich bin zuvor noch nie 180km auf dem Rad gefahren! Das war die große Unbekannte für mich. Bis KM120 sollte eigentlich nichts passieren, aber wie geht es dann weiter? Und tatsächlich kam ich sehr gut um die erste Radrunde herum. Vielleicht etwas zu schnell, aber das ist so ganz ohne Erfahrung über diese Distanz schwer zu sagen. Wo liegt die richtige Belastung? Und kaum war die Friedberger Burg in Sicht, da wurden dann auch meine Beine leerer und leerer. Jetzt kam also das erste Loch? Recht ungünstig für den Kopf war dieser Moment verbunden mit einem zunehmenden 179_3rd-96185-DIGITAL_HIGHRES-1316_102353-2125273Wind von vorne. Windböen, die für mich nicht immer mit einer Aeroposition vereinbar waren.

„Noch 40km bis zum nächsten Wechsel. Das wird hart. Und dann der Marathon — Marathon? Wie soll das denn gehen?“ Es lief gerade der garantiert falsche Film im Kopfkino an. Zumal der Himmel immer schwärzer wurde und es schließlich wie aus Kübeln schüttete. Kälte, Nässe und Wind. Hallo, geht’s noch? Ich musste ganz schnell das Kinoprogramm ändern. Erst einmal etwas essen, bis zur nächsten Abzweigung, zum nächsten Baum fahren, sich auf den Anstieg in Bad Vilbel freuen („da wird Dir wieder warm!“). Und es funktionierte! Plötzlich war der Anstieg in Bad Vilbel da, nur leider waren alles Zuschauer weg. Wem ist das aber schon zu verübeln bei dem Starkregen. Ich also unter Ausschluss der Öffentlichkeit den letzten Berg hoch – und wer erwartet mich oben? Mein ganz persönlicher Fanclub!!! „Papa, Papa!!! Schneller, auf geht’s!“ Wo kamen die den her. Wahnsinn. Das nennen ich mal Einstellung. Da 143_3rd-96185-DIGITAL_HIGHRES-1316_024208-2125237darf ich nicht schlapp machen. Zumal die Anfeuerungsarie ein paar Meter entfernt weiterging. Der Versorgungsstand der Eintracht stand mir bei – nicht zuletzt dank des nagelneuen Eintracht-Einteilers. Heimvorteil nenne ich so etwas. Mit ordentlich Adrenalin und Glückshormonen im Blut ging es dann frierend bergab Richtung Frankfurt zur 2. Wechselzone. 14 Grad sollte meine Garmin später anzeigen.

180km BIKE in 05h 53min 02sec

Erste Station: Dixie-Klo. War das etwa die Kälte? So einen schlechten Boxenstopp legt nicht mal das lahmste Formel 1-Team hin… Aber egal. Die große Unbekannte von 180km ist abgehakt. Jetzt wird nur noch gelaufen – und das möglichst sofort und schnell, denn mir ist richtig kalt! Der arme Kerl nebenan im Wechselzelt zittert so stark, dass er nicht einmal seinen Radschuhe ausziehen kann!!! Ob die Decke des Volunteers 149_3rd-96185-DIGITAL_HIGHRES-1316_038039-2125243hilft? Wie die Schwächen der anderen doch zur eigenen Stärke beitragen. Mir geht es gut! Zum Glück bekam er den Gedanken nicht mit und ich hoffe, er konnte das Rennen gut beenden. Ich konnte mich jedenfalls auf das Laufen freuen und nach „nur“ 8min 10 sek ging es ab durch die Zuschauermassen. Was für eine Superstimmung. Dreimal darf ich hierdurch, bevor ich dann auf den Römer abbiege werde.

Und so trugen mich meine eigene Begeisterung und die der Zuschauer ziemlich zügig um die ersten beiden Main-Laufrunden. Nach der ersten Runde konnte ich auch wieder auf meinen persönlichen Fanclub bauen, der mich lautstark anfeuerte. Es gab also klare Fixpunkte auf die ich mich freuen konnte. 01h 46m für den Halbmarathon. Sehr ordentlich. Wann kommt der Einbruch? Kommt er? Da ist er! Ab km22 wurde es plötzlich zäh. Es tat nichts weh, aber der Akku schien sich ziemlich schneller zu entladen. Was jetzt? Ans Buffet und mal in Ruhe ein paar Schlucke Iso trinken. Ein paar Salzstangen, etwas Gel. Bloß nicht zuuu viel auf einmal, denn Bauchschmerzen brauchte ich jetzt garantiert nicht. Und so lief ich von Verpflegung- zu Verpflegungsstelle. Der Versuch, bei meinem Fanclub kurz Rast zu machen, um ein paar Küsse und High5 zu verteilen scheiterte hingegen kläglich. „Nicht stehen bleiben,“ schrie Michi mir ins Ohr und schob mich an. „Schneller, schneller Papa,“ kam vom rennenden Nachwuchs aber auch meiner Frau. Hallo??? Schneller??? Geht’s noch???

Die Kilometer 25 bis 35 bin ich quasi mit dem Kopf gelaufen. Die Beine und der Rest von mir wollten eigentlich nicht mehr so richtig. Flasche leer. Doch dann kam die letzte Runde. Ab sofort erlaubte ich mir kleine Schlucke Cola an den Buffets, wurde wieder etwas schneller und überholte deutlich mehr Läufer als zuvor. Was geht es denen allen schlecht! Quasi als Einäugiger unter den Blinden kam das Vertrauen auf ein ordentliches Finish zurück. Und auch der Abstand zu Wolf, der mich zwischenzeitlich wie erwartet überholt hatte, wuchs nicht mehr so deutlich an. Noch ein verdammtes Armbändchen an der Gerbermühle und es geht in den Zielkanal.

Rechts abbiegen auf den Römer. Was habe ich von diesem Moment geträumt. An den Tagen,171_3rd-96185-DIGITAL_HIGHRES-1316_079609-2125265 wo mir das Training schwer fiel, hatte ich genau dieses Bild vor Augen. Dann ging alles sofort etwas leichter. Und jetzt 186_3rd-96185-DIGITAL_HIGHRES-1316_110274-2125280war der Moment gekommen. GENIESSE IHN! Er wird einmalig bleiben, er ist unbezahlbar, Du hast ihn Dir verdient. Es ist ein Gänsehautmoment. Wahnsinn!!! Die Menschen rechts und links klatschen, High5 hier, High5 da. Wo ist mein Fanclub??? Da ruft er!!! Ich bin vorbeigelaufen – schnell zurück. Die Endzeit ist egal, ich will mich einfach nur bei ihnen bedanken für all die Unterstützung der letzten Monate und mich gemeinsam mit ihnen freuen. Danach geht es unglaublich glücklich und zufrieden zur Finishline.

42,2km RUN in 03h 50min 36sec

 IRONMAN Frankfurt in 11h 11min 39sec

Dieser Traum ist gelebt!!! Geil. Mehr gibt es nicht zu sagen.

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P.S.: Die Strapazen meines längsten Sporttages habe ich sehr gut weggesteckt. Kein Muskelkater, nur etwas unelastische und kraftlose Muskeln, sonst alles paletti. Auf Drängen meines Fanclubs habe ich mich daher für Frankfurt 2017 angemeldet. Einmal ist bekanntlich keinmal 😉

4 Gedanken zu „RENNBERICHT: Von meinem ersten IRONMAN – oder: Und es ist doch der Kopf…!

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